Wie Notre-Dame aus 50 Milliarden Datenfetzen neu aufgebaut wird

Am 15. April 2019 verlor Note-Dame de Paris, die monumentale Kathedrale im Herzen der französischen Hauptstadt, durch einen Brand ihren hölzernen Dachstuhl, auch bekannt als „der Wald“, sowie einen seiner jahrhundertealten Türme. Nun wurde mit Hilfe von Art Graphique Patrimoine (AGP), einem französischen Unternehmen, das auf die 3D-Digitalisierung und Modellierung von Denkmälern spezialisiert ist, eine digitale Version von Notre-Dame detailgetreu rekonstruiert und auf YouTube zum Leben erweckt. 


Das Unternehmen hatte bereits zwischen 2014 und 2016 die gesamte Struktur des Kulturerbes, unter Einsatz von Hubschraubern, Drohnen und Bodenscannern, digital vermessen. Für die digitale Rekonstruktion des Bauwerks benötigte das 21-köpfige Team von AGP anschließend zwei Monate und die Rechenleistung von sechs „Superrechnern“, um die rund 50 Milliarden Datensätze in ein virtuelles 3D-Modell umzuwandeln. Allein das Modell des Dachstuhls bestand aus ca. 5 Milliarden 3D-Datenpunkten, die in 150 verschiedenen Scans erfasst wurden.


Intelligente 3D-Datenmodellierung soll den Wiederaufbau von Notre-Dame unterstützen 

Nach der erfolgreichen digitalen Rekonstruktion der Kathedrale arbeitet AGP aktuell an einer intelligenten 3D-Datenbank von Notre-Dame, die relevante Informationen zu jedem architektonischen Element beinhaltet. So soll es beispielsweise möglich sein, durch einfaches heranzoomen an einzelne Objekte, Hintergrundinformationen zum Baustil, den verwendeten Materialen oder zum Jahr der Entstehung abzurufen. Die hierzu verwendete Technik wird als Building Information Modelling (BIM) bezeichnet und soll ebenso die detaillierte Erfassung von Schäden, sowie die Simulation von Wiederaufbauarbeiten ermöglichen. Die BIM-Modellierung der Kathedrale durch die AGP soll Anfang 2020 abgeschlossen sein und als wichtige Blaupause für spätere Restaurierungsarbeiten dienen.


Der Brand von Notre-Dame war eine Tragödie, die dazu beigetragen hat, dass bahnbrechende Techniken, wie die Laser- und Photogrammetrie (Techniken, die präzise Messungen mit 3D-Entfernungsmessern und Fotografien ermöglichen) eine zweite Renaissance erleben. Gaël Hamon, Vorstandsvorsitzender von AGP, erinnert sich: „Vor einigen Jahren hat unsere Arbeit niemanden interessiert. Doch heute ist es ein großes Glück, dass wir im Laufe der Jahre so viel an der Kathedrale gearbeitet haben“.


Virtual Reality soll zukünftig Baudenkmäler und Kulturstätten zum Leben erwecken

Das Unternehmen hat im Laufe der Jahre bereits an über 2000 Projekten in 18 Ländern gearbeitet. So wurden nicht nur die technischen Maßnahmen zur digitalen Auferstehung von Notre-Dame betreut, sondern auch das römische Amphitheater in Orange in der Provence, von AGP in die Virtuelle Realität (VR) befördert, um ein futuristisches Besuchsziel für Touristen zu schaffen.



Bald hofft das Unternehmen darauf, einen Kulturraum zu eröffnen, der VR-Besichtigungen von Baudenkmälern, wie den Palmyra-Ruinen in Syrien, ermöglicht. Vorerst möchte man sich aber vollends auf die Arbeiten an Notre-Dame konzentrieren.